NR. 8

Der stumme Pascal.

Beide wussten, dass der Abend, so kurz er war, alles bedeutete.

Die Nacht verwandelt die Steinstraße in einen geheimnisvollen Ort. Einen, an dem alles möglich, alles erlaubt und alles wahr ist. Im Souterrain des IMMER&TREU, in der Bar Saint Jean, existiert eine Parallelwelt voller Wunder, die hier im Schummerlicht geschehen. Pascal kommt seit Jahren her. Jede Nacht. Er legt sein Päckchen Parisienne auf den Tresen vor sich und raucht. Manchmal schaut er dabei auf einen Punkt hinter der Bar, an dem er etwas zu sehen scheint, das nur für ihn da ist. Manchmal spielt er mit seinem Smartphone, scrollt durch Kaskaden von Nachrichten und Fotos. Immer bestellt er Safran Gin. Nur einen. Doch nie sagt er ein Wort. Stundenlang nippt er an seinem Getränk, egal, ob um ihn herum die furioseste Party der Stadt tobt, egal, ob ihn ein junger Mann anflirtet, der zum ersten Mal hier ist. Bestimmt ein Tourist.


Pascal nimmt nichts wahr. So gleichförmig Pascals stummes Brüten ist, so ausgesucht und kultiviert ist seine Erscheinung. Er ist stets tadellos gekleidet, trägt feine Wollsakkos oder Dreiteiler in gedeckten Farben, edle rahmengenähte Schuhe und hin und wieder sogar eine altmodische Taschenuhr. Er ist ein Gentleman, der offenbar einen Sinn für das Beständige hat, ein Romantiker, der sich nach der guten alten Zeit sehnt. Er passt ausgezeichnet zum zurückgenommenen französischen Flair der Bar, fast wirkt er wie bestelltes Beiwerk, das fest zum Bild des Ambientes gehört. Doch trotzdem, ihn übersieht man nicht. Jeder kennt den schönen Mann, der nie ein Wort sagt. Niemand würde sich anmaßen, darüber zu urteilen, denn hier kumuliert sich echte Berliner Freiheit und jeder kann sein, wie er ist, und darauf vertrauen, dass die Bar ihre Geheimnisse hütet und vor der Außenwelt bewahrt.


Es ist ein Samstag wie immer. Gegen Mitternacht wird die Bar so voll, dass die Menschen so eng stehen, als wären sie eine einzige Umarmung. Ein paar Jungs aus Friedrichshain finden trotzdem Platz zum Tanzen, berauscht von der sauerstoffarmen Luft und einigen Moscow Mules. Pascal sitzt wie immer an der Bar, stoisch und still. Doch plötzlich verändert sich sein Gesicht. Er sieht aus, als hätte er einen Geist gesehen. Zu Tode erschrocken. Ein Mann ist neben ihn an die Bar getreten, um einen Longdrink zu bestellen. Ein ganz und gar unscheinbarer Typ, an dem nichts Besonderes zu sein schien. Aber Pascal starrt den Mann fassungslos an. Der stellt sich als Julian vor. Und in Pascals Gesicht löst sich etwas. Der stumme Dauergast fängt an zu reden. Und kurz wirkt es, als würde die ganze Bar den Atem anhalten. „Du siehst aus wie … er!“, bricht es aus ihm heraus. „Es war genau hier. Vor acht Jahren. Er hatte die gleiche unaufgeregte Art, er hat sich genauso über den Tresen gebeugt und selbst seine Stimme …“ Julian kennt den stummen Pascal und er ahnt, wie kostbar dieser Moment ist. Er lässt ihn reden und hört zu, spürt die Wehmut und Einsamkeit des Mannes neben ihm. Es war nur der eine Abend vor acht Jahren, der den beiden vergönnt war, doch beide wussten, dass der Abend, so kurz er war, alles bedeutete. Pascal hat Reinhard nie wieder gesehen. Die Serviette, auf die er seine Nummer notiert hatte, musste Pascal auf dem Heimweg aus der Tasche gefallen sein.


Dieser eine Abend hat alles verändert. Pascal weiß genau, dass man die eine, die große Liebe nur einmal findet. Und er hat nie aufgehört zu hoffen, dass sie sich wiedertreffen. Eines Tages. An diesem Ort. Julian nickt, er weiß, wie schnell man in Berlin die Liebe findet, aber er weiß auch, wie schnell sie verfliegen kann. Als Pascal fertig erzählt hat, prostet Julian ihm zu und verschwindet mit einigen Freunden ins ://about blank. Pascal bleibt zurück, einsam wie immer. Doch etwas hat sich an diesem Abend für immer verändert. Pascal kommt weiter jeden Abend ins Saint Jean. Doch von nun an ist er nie wieder stumm. Es ist, als hätte er ins Leben zurückgefunden und feiert in der Menge. Denn er weiß jetzt, ein Herz ist groß und das Leben lang und voller Unwahrscheinlichkeiten.

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