NR. 10

Die U-Bahn im Badezimmer.

Eines Tages hört Herr Winkler auf zu träumen. Und fängt an zu machen.

Herr Winkler kennt das Haus IMMER&TREU und seine Bewohner gut. Seit vielen Jahren wohnt er hier im Erdgeschoss und wird von den Mietern bei jeder kleinen und großen Katastrophe gerufen, um mit seinem handwerklichen Geschick auszuhelfen. Viel verdient er dabei nicht, und oft genug schraubt er hier eine Rohrdichtung fest, lackiert da eine Schramme im Holz, ohne je eine Rechnung zu schreiben. Die alten Etagenklos sind ständig verstopft und dazu eiskalt in der Nacht, ein eigenes Bad gibt es in den wenigsten Wohnungen und Winkler rückt ständig an, um die uralten Rohre zu reparieren.


Winkler träumt von einem modernen Badezimmer, von warmem Komfort und einer eigenen Badewanne. Er träumt von verzierten Mosaiken, goldenem Tageslicht und herrschaftlichen Fliesenwänden ganz im Stil der neuen Zeit. Denn gerade werden in ganz Berlin hochmoderne WCs und Bäder in der eigenen Wohnung zum neuen Standard. In den wilden 1920er Jahren will jeder attraktiv und blank geputzt sein, der neue Lebensstil und die Lust am Prunk hält bald auch in den Wohnungen Einzug. Das Bad wird zum Statussymbol und Wohlfühltempel. Eines Tages hört Herr Winkler auf zu träumen. Und fängt an zu machen.


Bei seinen Hilfsdiensten in der Nachbarschaft hat er alle Erfahrungen gesammelt, die er braucht, um sein eigenes Bad zu bauen. Genau so, wie er es sich erträumt hat. Winkler reißt Dielen heraus, er verfugt und streicht, ergattert traumhafte Armaturen und dann … geht ihm einfach das Geld aus. Er, der zeitlebens jeden Pfennig gespart und für schlechte Zeiten zurückgelegt hat, findet keine müde Mark mehr in seinen Taschen. Im Rausch des neuen Komforts hat er sein ganzes Geld für ein Badezimmer ausgegeben! Eine Katastrophe. Sein Ruin. Und das Bad? Halbfertig. Eine ungeflieste Baustelle, kein Tempel.


Herr Winkler weint verzweifelt, er weint über seinen Größenwahn, sein eigenes großes Herz, das immer gibt und nie nimmt, und über seine Dummheit. Als er schließlich fertig geweint hat und sich lange und laut die Nase schnäuzt, kommt ihm eine unerhörte Idee. Eine unaussprechliche Idee. Der Alexanderplatz wird gerade neu gestaltet, sie verwenden für den neuen U-Bahnhof Unmengen an Fliesen. Ob er vielleicht …? Ein paar Fliesen würden bestimmt niemandem fehlen. Ist das verrückt? U-Bahn-Fliesen im Bad? Herr Winkler nimmt all seinen Mut zusammen und schleicht sich nachts auf die Großbaustelle. Er muss nicht lange suchen, bis er tatsächlich in einer dunklen Ecke eine staubige Palette mit herrlichen Keramikfliesen entdeckt. Still und leise schleicht der unglückliche Mann hin. Und nimmt, was er tragen kann. Mehrmals in dieser Nacht stiehlt sich Winkler vom IMMER&TREU auf die Baustelle und zurück. Bis er genug Fliesen gesammelt hat, um sein Traumbad fertigzustellen. Noch in derselben Nacht macht er sich ans Werk. Fieberhaft, aber nicht minder sorgfältig verlegt er Fliese um Fliese – peinlich achtet er darauf, sie so zu verlegen, dass sie nicht zu sehr nach U-Bahn-Station aussehen, unversetzt, Reihe an Reihe. Endlich, im Morgengrauen, wird er fertig und betrachtet erschöpft, aber stolz sein Werk.


Das schlechte Gewissen plagt ihn nur selten. Und niemand kam je darauf, warum ihm der edle mintfarbene Wandbelag so seltsam bekannt vorkam. Heute, fast 100 Jahre später, finden sich „Metro-Fliesen“ an den aufregendsten Orten der
Welt, in hippen Cafés und schicken Bädern. Wenn das Herr Winkler wüsste!

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