NR. 9

Einmal atmen lassen, bitte.

Sie vergisst den Trubel um sich herum, den Steuerberater und die Zeit.

In Mitte gibt es Orte, die jeder als persönlichen Geheimtipp betrachtet und deren Existenz Außenstehenden nur ungern verraten wird. Eine, die sie als Erste aufspürt, ist Frau Remy. Als Gastrokritikerin hat sie schon auf der ganzen Welt gegessen und getrunken, sie ist selten überrascht. Höchstens unangenehm.


Frau Remy hatte heute einen langen Termin mit ihrem Steuerberater in der Steinstraße und hat furchtbaren Hunger. Zahlen rauben ihr die Kraft. Eigentlich isst sie privat nicht gern auswärts, sie kocht lieber selbst und frisch, ohne Überraschungen. Doch das Muret la Barba liegt gleich um die Ecke und natürlich weiß Frau Remy, dass das Restaurant mit Weinbar einen ziemlich guten Ruf genießt. Aber sie bildet sich lieber selbst ihre Meinung, was wissen Laien von gutem Essen?


Als sie sich zwischen Touristen, hochmütigen Mitte-Bewohnern, Bierbänken und den Nachbarn aus der Steinstraße ihren Weg zum Tisch bahnt, ist sie genervt. Sie hasst es, wenn das Essen hinter Trubel verschwindet. Wie soll man schmecken, wenn man seine eigenen Gedanken nicht verstehen kann? Sie ordert Antipasti, ein Hauptgericht und, Berufskrankheit, ein opulentes Dessert. Der Inhaber persönlich, Antonio Moretti, bringt ihr gut gelaunt eine raffinierte Vorspeise und den passenden Wein: „Einmal atmen lassen, bitte!“, zwinkert ihr aufmunternd zu und verschwindet wieder in der Küche. Frau Remy stutzt. Sie hätte einen völlig anderen Wein gewählt. Hätte man sie nicht vorher fragen können? Gerade möchte sie sich aufregen und die unwillkommene Bestellung zurückschicken. Doch die Duftnoten des Essens in perfekter Harmonie mit den Aromen des Weins steigen in ihre Nase und Frau Remy weiß sofort, dass diese Komposition genial ist.


Als das Hauptgericht mit hausgemachter frischer Pasta und einem Kalbsragout kommt, ist Frau Remy längst beseelt. Exquisite Qualität, hervorragende Zutaten, würzige Weine. Sie vergisst den Trubel um sich herum, den Steuerberater und die Zeit. Bis spät in den Abend probiert sie sich durch Morettis Kunstwerke, macht eine Italienreise in Wein und schwört sich, dass sie nie jemandem vom Muret la Barba erzählen wird. Das bleibt ihr Geheimnis.

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